Von der Kunst, Genug zu haben

In den Einkaufsmeilen dieser Welt tummeln sich die Tüten. Raschelnd hängen sie voll beladen an den Armen ihrer neuen Besitzer. Schieben sich vorbei an den ewig gleichen Gesichtern der Schaufenster, die schon lange nicht mehr von der Vielfalt erzählen, die unsere Welt zu bieten hat. In wöchentlichem Takt präsentieren sich leblose Gestalten im neuen Kleid. Ihr ewiger Auftrag: Wünsche wecken, wo davor keine waren.

Es scheint, als hätten sie einen Pakt geschlossen, die Tüten und die beladenen Wühltische und Drehständer. Umso mehr es von dem Einen gibt, umso mehr häuft sich das Andere. Ein Teufelskreis, der sich in den Gesichtern der Menschen spiegelt, die sich durch die Passagen dieser Welt schieben. Angestachelt von Reklame und dem Schlaraffenland, dessen Preis längst zu hoch ist. Nur, dass wir ihn nicht zahlen.

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Eine Rechnung, die nicht aufgeht. Ein Umstand, der schon seit einigen Jahren Diskussionen entfacht und die Frage immer lauter werden lässt: Haben wir nicht längst genug? Pauline hat eine Antwort gefunden. Seit ein paar Monaten hat sie sich nichts mehr neu gekauft.„Ich brauche nicht mehr“. Ein Satz, der sitzt. Besonders, wenn er von einer Siebzehnjährigen kommt.

Was folgt ist weder eine Begründung für das Eine, noch eine Rechtfertigung für das Andere. Es ist eine Idee.

Angefangen hat alles mit einem Projekt in der Schule, erzählt Pauline. Weil sie einen theoretischen Teil braucht, beschäftigt sie sich mit der Textilindustrie. Was Pauline herausfindet, deckt sich mit dem, was auch „The True Cost“ oder „Todschick“ erzählen. Und es hat seine Folgen.
„Meine Jacken sind alle Second-Hand und meine Farben fair hergestellt.“ Das sei ihr wichtig gewesen. Auch bittet sie darum, dass auf ihren Fotos keine aktuellen Modelle der großen Sneaker Marken zu sehen sind. „Das passt nicht zu meiner Philosophie“.

Eine Philosophie, die das genaue Gegenteil von der Wühltisch-Mentalität erzählt. „Alle Jacken sind Unikate.“ Auf ihren Rückseiten entdecken wir, was wir in Modeketten nicht finden können: bunte Vielfalt. Man merkt, Trend steckt hier nicht dahinter. „Ich male einfach worauf ich Lust habe“, sagt Pauline. Neben populären Motiven wie Traumfängern oder Tierköpfen zeigen sich auch viele Landschaftsaufnahmen oder Gesichter. Oft in Ausschnitten oder entfremdet durch Form und Farbe. Ihre neuesten Jacken zieren Pop-Art. Kleine Kunstwerke – jedes mit seiner eigenen Geschichte.

So wie das Mädchen, das sie erzählt. Durch ihre Haare winden sich Zöpfe aller Art. Trotz ihrer zierlichen Erscheinung wirkt sie standhaft. Ein bisschen rebellisch. Ein bisschen anders.

So fühlt man sich auch, wenn man eine ihrer Jacken überstreift. Auf der Suche nach sich selbst und der Antwort auf die Frage: Haben wir nicht längst genug?

 

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