Das Gegenteil von Selfie

Interview mit Fotograf Marco Mehl über das Kollodium-Nassplatten-Verfahren, Digitale Bildkunst und den richtigen Moment.

Es ist das Gefühl, das man hat, kurz bevor einem die Tränen in die Augen steigen. Wenn es einem die Kehle zuschnürt und man lachen will. Lachen, damit man nicht weint. Ich versuche nicht zu blinzeln. In meinen Adern kribbelt der Sauerstoff. Ein Moment der Stille, der zeigt, wie sehr ich am Leben bin.

Die Erlösung folgt, als Marco Mehl hinter dem schwarzen Tuch seiner Kamera hervorkommt. Er macht Kollodium-Nassplatten-Bilder. Die älteste Form der Fotografie überhaupt. Hinter der Prozedur steckt ein kompliziertes chemisches Verfahren. Viele Schritte sind nötig bevor Marco auf den Auslöser drückt: alles für ein Bild. Ein Versuch. Und den darf ich nicht versauen.   

Denn damit sich mein Spiegelbild für immer in die Platte brennt, braucht es 20 Sekunden. 20 Sekunden regungslos vor der Kamera. 20 Sekunden Endlosigkeit. 20 Sekunden in der jede Maske, jede Pose, jedes aufgesetzte Gefühl in sich zusammenfällt. Was bleibt ist der Mensch. Und das sieht man auf den Kollodium-Fotografien. Das sagt man zumindest.

Marco, ist das so?

Marco Mehl: 20 Sekunden fotografiert zu werden für ein Bild, das löst Emotionen aus. In jedem Fall. Weil wenn du 20 Sekunden stillhältst und in die Kamera-Linse kuckst, da geht dir einiges durch den Kopf. 20 Sekunden sind lang und wenn man ein paar Minuten später sieht, wie das Bild sich entwickelt – dann ist das ein emotionaler Moment. Und es ist auch jedes Mal ein emotionaler Moment für mich.

Kannst du von einem solchen Moment erzählen?

Ich habe mal einen fotografiert – war eher ein ruhiger, zurückgezogener Typ – also kein extrovertierter Mensch. Und der saß vor der Kamera und ich habe die Platte gebracht und hab die in die Kamera gesteckt und das Foto gemacht. Und wir gehen dann in die Dunkelkammer, das Bild wird entwickelt und dann kommt‘s in den Fixirer. Da verschwindet dann quasi alles nicht Belichtete und das eigentliche Bild entsteht… und ich war total fasziniert von diesem Blick und von diesem Moment. Also das hat mich wirklich berührt und er hat nur laut geschrien und hat gesagt: Wahnsinn, Wahnsinn, Wahnsinn – von seinem eigenen Bild.

Stell ich mir krass vor, wenn das Bild so vor einem entsteht..

Ja ist schon verrückt, wenn man das sieht. Durch die lange Belichtungszeit für dieses eine Bild, geht einem vieles durch den Kopf – und dann nur ein paar Minuten später bis man sein eigenes Spiegelbild sieht.  Ist zwar beim Digital-Foto auch so – aber da klickt man halt durch.

Also bist du eher analog als digital?

Ne, ich bin begeistert, dass heute so viel, so einfach möglich ist und dass einem keine Grenzen gesetzt sind. Was mich vielleicht ein bisschen irritiert ist, dass teilweise nur der Moment zählt dieses Bild zu machen und zehn Sekunden oder eine Minute später ist das Bild schon wieder in Vergessenheit geraten. Es ist ein bisschen kurzlebig, wenn man alles nur noch digital hat. Wenn ich ein Fotoalbum von früher in die Hand nehme, dann habe ich zu jedem einzelnen Bild einen richtigen Bezug. Das geht bei den vielen 1000 Bildern auf einem Handyspeicher verloren. Ich sag immer: auch aus IPhone-Bildern kann man tolle Papier-Abzüge machen. Das ist so meine Mission, die Leute so ein bisschen zu bekehren. Mach ein Album, such dir die besten Bilder, die du gemacht hast raus und lass es zu was Haptischem werden.

Wenn du analog fotografierst hast du ja nicht so viele Möglichkeiten im richtigen Moment auszulösen. Wie findest du den Richtigen davon?

.. wenn du das Gefühl hast, dein Gegenüber ist bereit, öffnet seine Seele, öffnet sich – dann ist glaube ich der richtige Moment gekommen. In der Digitalfotografie wartet man diesen Moment möglicherweise gar nicht mehr ab und es wird auch keine Spannung erzeugt, dass das Gegenüber sich auf diesen Moment einlässt. Das geht in der Digitalfotografie möglicherweise ein bisschen verloren. Dann kann man vielleicht aus zehn bis 30 Bildern aussuchen und dann entscheiden – aber diese Bilder sehen dann alle so ähnlich aus und machen es dann unwahrscheinlich schwer zu sagen: das ist es. Und wenn du nur eins gemacht hast, dann ist es das. Und wenn du im richtigen Moment abgedrückt hast, dann hast du was Wertvolles. Wenn das nix war – dann muss man noch mal eins machen.

Da hat sich der Beruf Fotograf doch ziemlich verändert.

Früher war ein Fotograf, ein Handwerksberuf. Du durftest nur gewerblich fotografieren, wenn du den Meister gemacht hattest. Selbst als Geselle durfte man das nicht, da musste man in einem Fotostudio arbeiten. Diese Berufs-Kaste war damals in der analogen Fotografie auch absolut legitim, weil man musste diese ganzen chemischen und handwerklichen Prozesse kennen und können um tatsächlich am Ende ein Foto zu haben. Ich als Hobby-Fotograf habe früher meine Fotos geknipst und hab dann den fertigen Film genommen und bin zum Drogeriemarkt gegangen oder zu FOTO-Porst. Dann habe ich meine Filmrolle in so ein Tütchen reingesteckt und dann eine Woche gewartet, bis dann die Tüte zurück kam mit den fertigen Bildern. Teilweise überbelichtet, teilweise unterbelichtet.

Und heute?

Jedes Handy fotografiert– das sind kleine Minicomputer, die genau wissen, was du fotografierst, weil es digital geprüft wird. Heute kommt es nicht mehr drauf an zu wissen, wie man fotografiert oder wie ein Film entwickelt wird. Heute ist es wichtig ein gutes Bild zu machen. Und das kann man machen, wenn man ein Auge dafür hat. Das Auge kann ich auch ein bisschen dafür schulen. Aber man hat entweder die Begabung oder man hat sie nicht. Und wenn man sie nicht hat, dann wird’s schwer, die Bilder zu verkaufen oder als Fotograf engagiert zu werden.

Warum?

Weil man dann nicht einer bestimmten Klientel gerecht wird. Und heute kann jeder Fotograf werden, der das Zeug dazu hat, der ausprobiert, der kreativ ist, der Blickwinkel sieht, der mit der Technik spielt.

Was hältst du von Filtern?

Es gibt wahnsinnig viel Software, die Filtertechniken anwenden, um Bilder zu verfremden. Ich habe schon häufig Bilder gesehen, deren Bildsprache mir als solches gut gefällt, aber die Art wie die Bilder bearbeitet sind, machen das Bild nicht mehr natürlich. Das mag sicherlich eine Kunstform sein, aber es ist schade, wenn man am Ende zu viel macht. Ich rate jedem:  nutz den Fotoapparat zum Fotografieren und versuch das Bild so hinzubekommen, dass man danach nix mehr machen muss. Das was man tagtäglich an Bildern sieht, ist teilweise so unecht und nicht mehr real, dass da ein bisschen was verloren gegangen ist.

Beim Kollodium-Nassplatten-Verfahren ist das auf jeden Fall anders. Hast du da Vorbilder oder gibt es echte Größen in der Szene?

Also es gibt ein paar – wobei das natürlich auch immer Geschmacksache ist. Da gibt ein Holländer, der in meinen Augen Geschichten erzählt. Wenn ich meiner Frau die Bilder zeige, die sagt: Was ist das für ein Scheiß – braucht kein Mensch.

Es gibt in Deutschland einen Kollodium-Fotografen, der viel Akt macht. Sensationelle Sachen. Und dann gibt’s einen – ich glaub ein Engländer war das – der ist vor einem halben Jahr mit dem Motorrad verunglückt. Das war schon ein ganz Großer der Szene, der wirklich sensationelle Geschichten erzählt hat. Dann gibt’s noch einen Russen, der dafür bekannt ist, wahnsinnige Doppelbelichtungen, teilweise Dreifachbelichtungen der Platte zu machen. Der produziert Bilder, die sind in meinen Augen nur Kunst, Kunst, Kunst.

Dann gibt’s den Ian Ruther – das ist mehr oder weniger das Urgestein der Kollodium-Fotografen. Der hängt schon in den meisten großen Galerien dieser Welt. Seine Kamera ist keine Kamera im klassischen Sinne. Der hat einen LKW umgebaut und macht damit Bilder in Formaten – ein Meter auf zwei Meter und teilweise noch größer. Ich weiß nicht wie lang der noch leben wird, weil die Chemie ist ja auch nicht ganz ohne. Der Äther und das Kollodium, dem man sich da aussetzt.

 

 

 

 

 

Warum arbeiten Fotografen überhaupt noch mit einer so alten Technik – wo liegt da die Motivation?

Also bei mir war das so: ich bin irgendwann im Internet auf ein Video gestoßen, von einem Fotografen aus San Francisco, der Kollodium-Nassplatten-Bilder macht. Ich habe das gesehen und habe mir gedacht: das hat mich gefunden! Das muss ich machen! Weils noch mal was anderes ist. Der technische Prozess im Vergleich zum Analog-Film ist, dass man wie bei einem Sofortbild sieht, wie das Bild entsteht. Du siehst das Bild tatsächlich beim Entwickeln.  Dadurch hast du den Einfluss zu sagen: ok ich entwickle jetzt weiter, lass es noch ein bisschen heller oder dunkler werden. Oder verändere mein Bild dadurch, wie ich den Entwickler auf die Glasplatte kippe. Das ist ein erhabenes Gefühl.

Also ist die Technik für dich auch das Faszinierende daran?

Auf jeden Fall. Das so zu machen ist einfach spannend. Weil das Nichts ist, wozu man irgendwo seine Sachen kauft, kippt die ein bisschen zusammen und dann funktioniert das. Sondern man muss üben, üben, üben, ausprobieren, ausprobieren, Fehler machen, Fehler machen, frustriert sein – weil es eben nicht funktioniert, dann überlegen: woran kann es denn liegen –  und jedes Element, das in diesem sehr komplexen Prozess mitwirkt kann ein Grund für Erfolg oder Misserfolg sein. Und für mich ist das eine große Herausforderung. Und ich liebe große Herausforderungen und wenn dann am Ende ein tolles Ergebnis bei rüberkommt, dann macht mich das glücklich.

Die Dunkelkammer ist in rotes Licht getaucht. Marco öffnet vorsichtig die hölzerne Kassette und holt die schwarze Platte hervor. Noch ist nichts zu sehen. „Jetzt wird’s gleich spannend“, sagt er und gießt den Entwickler über das Bild. Erste Umrisse zeichnen sich ab. Marco legt das Bild in ein Becken mit Fixirer. Die Flüssigkeit hat sich noch nicht beruhigt als die Umrisse schärfer werden. Dunkel und ernst schauen mir meine eigenen Augen entgegen.

 

MARCO’S CONFESSIONS:

Mehr von Marcos Arbeit gibt es hier.